bool(false) blindflug
 
Umwegbewusst unter dem Radar

So könnte die Prämisse für das Schaffen von Daniel Lauer lauten, dessen Lieder eigentlich von allem handeln, was das Leben großartig und grausam macht, ohne dafür Pop-Superlativ-Phrasen abzuspulen. Große Momente brauchen keine großen Gesten, sie füllen auch so den Raum. Wenn sie denn wahr sind.
Die Songs seines Solo-Projekts „blindflug“ sind voll von diesen wahren Momenten, die den Hörer überraschen, abholen und mitnehmen – eben weil sie sich nicht mit der üblichen Emotionalisierungsrhetorik ankündigen, die Songs oft über vermeintliche Umwege ins Innerste der Wahrheit vorstoßen und sie aus dem Alltag und seiner Sprache dennoch direkt durch die Abgründe und ihre Schrecken führen.
Man höre nur das Lied „Der Weg endet hier“, das zu einer warmen Akustik-Gitarre, bundlosem Bass, Sitar und Tanpura zunächst als eine Art Zeitlupen-Mantra über die Krux der Schreibblockade des Ich-Erzählers beginnt. Dann wandert mit Beginn der zweiten Strophe der bis dahin selbstreflektorische Zeigefinger nach außen, um den in der heutigen Zeit so aufgeweichten erweiterten Kunstbegriff vehement in Frage zu stellen. „Sind wir wirklich schon so weit, dass wir gebannt auf leere Leinwände starren?“, fragt der Ich-Erzähler, um letztlich inbrünstig zu dem Schluss zu kommen: „Der Weg endet hier. Vor einem leeren Stück Papier. Weil selbst die Kunst nichts mehr riskiert, aus Angst, dass keiner applaudiert.“ Ein Song über eine Schreibblockade. Ja, das geht. Zumindest bei „blindflug“.
Denn „blindflug” ist nun mal Rockmusik für Erwachsene, da wirken die billigen Illusionierungsmechanismen nicht mehr. Selbstzweifel, Selbstbetrug und andere Katastrophen: Lauer beschreibt Krisen, die im Erfahrungshorizont eines jeden, der es über das magische 27. Lebensjahr hinaus geschafft hat, auf die eine oder andere Weise präsent sind. Und warum die Schatten verleugnen, wenn man die Wahrheit in strahlende Musik kleiden kann? Eigentlich alle der verblassten, verwirrten und verführten Charaktere in Lauers Liedern gehen am Ende wieder aufrecht. Sie mögen sich verlaufen, aber sie finden stets Nachhause. Häufig lösen sie sich innerhalb eines Liedes auf, um sich an dessen Ende zu rematerialisieren.

Auflösen und Rematerialisieren, das beschreibt auch die außergewöhnlich gewundene künstlerische Laufbahn von Daniel Lauer ganz gut. Mit seiner Band pale soul spielte er laute und eindringliche Rockmusik mit deutlichem Hang zum Grunge. Zwei Alben nahm die Band auf, bevor sie sich nicht nur sprichwörtlich im Vorzimmer der A&R-Abteilung einer Plattenfirma auflöste.
Das Ende der Band machte einsam, aber auch frei. Zwar hatte Lauer schon vorher für das Songwriting, die Arrangements und gelegentlich auch Texte verantwortlich gezeichnet, der letzte Schritt zum Alleinverantwortlichen aber wollte erst noch vollzogen werden. 2006 trat er als „blindflug“ nach fast fünf Jahren Pause mit einem Lied aus dem Nebel des Vergessens, das deutschsprachiges Songwriting neu definierte: „Rotes Tränenmeer“, ein Prog-Rock-Gewitter, dessen mitteleuropäischer Herkunft man lediglich anhand der Sprache auf die Spur kam. Neben zahlreichen Zugriffen auf das seinerzeit noch aktuelle myspace-Portal führte dieses Lied zu einer Einladung seitens des gerade aus den akustischen Startlöchern gesprungenen Daniel Wirtz, welcher „blindflug“ unbedingt als Opener auf seiner anstehenden Tour haben wollte. Gesagt, getan.
Es folgten weitere Lieder, etwa „A.N.N.E.“ und „Nicht zu Ende“ – aber da war schon wieder ein halbes Jahrzehnt vergangen.

Als das Projekt zwischenzeitlich drohte gänzlich zum Erliegen zu kommen, trat in Person von Stefan Schaper der passende Kollaborateur auf den Plan. Begeistert von dem ihm vorgelegten Material nahm dieser sich der weiteren Produktion an und öffnete durch seine Eingriffe in die bestehenden Arrangements lichte Klangräume, so dass die Lieder musikalisch und lyrisch noch weitere Bögen schlagen und den Hörer noch tiefer in fremdes Terrain locken können, um ihn dort mit angenehmsten Melodien und unangenehmsten Wahrheiten zu konfrontieren.

Eine Wendigkeit, die Lauer auch dem blinden Vertrauen und stillen Verstehen seines musikalischen Begleiters verdankt.

Im Studio wird oft gewitzelt, auf seinem Grab werde mal der Satz stehen: „Progressive war sein Hobby“. Eine Anspielung auf die mitunter weit über das übliche 3:30-Radioformat hinausreichenden Stücke und die darin oft unkonventionellen Akkordfolgen. Aber gerade darin liegt die Schönheit und Gemeinheit: Die Akkorde führen den Weg in unverhoffte Richtung, der Hörer wird reingezogen in eine fremdartig